Megaloh – Endlich Unendlich

(03/2013)

 

Manchmal zieht man auch mit einem Aussichtslos den Hauptgewinn.“

 

„Endlich Unendlich“ wird den hohen Erwartungen gerecht: Bis vor ein paar Monaten kannte ich so gut wie nichts von Megaloh, bis auf einen Track, den mir ein Freund gezeigt hatte. Und das nur, weil der gerade nach Moabit gezogen war und Megaloh eben genau diesen Stadtteil da hart representet hat. Dann hat mich jedenpfalz irgendwann die volle Promo-Maschinerie erwischt und ich war ofiziell hooked. Das vorab als Video veröffentlichte „Loser“ fand ich schonmal großartig, genau wie das Juice-exclusive-Ding „HipHop“. Spätestens als „Dr. Cooper (Ich weiss)“ releast wurde, war es um mich geschehen und ich hatte das nächste große Ding gewittert. Noch schlimmer wurde es dann mit der Vorab-umsonst-EP „Auf ewig“, die ich hiermit vorab schonmal Jedem ausdrücklich ans Herz legen möchte.

Jetzt aber zum Album: Dr. Cooper als erster Albumtrack: Mit einem Oldschool-Beat und nem Stieber Twins-Sample als Einstieg kann man eigentlich kaum was verkehrt machen, erst recht nicht, wenn man so gut rappt wie Megaloh. Dazu kommt das gelungene Video mit der 1UP-Crew im Rücken für die nötige Streetcredibility und natürlich die Writer. Gekauft: ein waschechter Representer-Track, samt Bekennung zu den Wurzeln, Ehrerweisung an die Altvorderen und auch noch alle Elemente vereint. „Megaloh – Don wie der Steinzeithaifisch“, schlichtweg genial.

Der zweite Track „Loser“ wurde im Vorraus auch schon ausgekoppelt: ein mehr als gelungener Konzeptsong über die Unbilden des Alltags, wunderschön geerdet. Auch der allerbeste Rapper muss eben manchmal hustlen und Pakete entladen, wenn das mit der Musik noch nicht so ganz geklappt hat. Jeder, der schonmal irgendwo Frühschicht geackert hat, wird sich in diesem Lied wiedererkennen können. Schön, dass wirs hier anscheinend mit einem ganz normalen Typen wie Du und ich zu tun haben, der sich nicht zu schade ist, schuften zu gehen. „Manchmal hat man keine Wahl für die Knete – und so entlad ich Pakete.“ Nice. Das Ganze auch noch schön reflektiert, rundes Ding.

Das lässt sich tatsächlich für die meisten der Songs des Albums sagen, ob nun der überragende, hypnotische Titeltrack mit der wundervollen Grace, der battle- und zugleich reggaemäßige „Yogibär“, „Rennen“ oder „Entgegen der Norm“. Satte Produktionen, wirklich wundervolle Wortspielereien, immer exakt auf die Silbe genau im Takt gerappt. Megaloh beherrscht sein Fach und hat mit den Jungs von Max Herre ein professionelles Produktionsteam im Rücken. Was gleichzeitig für mich auch ein bisschen problematisch ist: Das Album klingt an manchen Stellen einfach zu glatt, zu durchorganisiert, zu ausproduziert. Es hätten für meinen Geschmack sehr gern weniger Melodien und Gesangspassagen verbaut werden dürfen und das Ganze hätte ein paar Ecken und Kanten mehr sehr gut vertragen. Dirty ist was anderes, ich wills knistern hören!

Aber bitte nicht falsch verstehen, ich finde das Album insgesamt grandios, als es neu war, hab ich tagelang kaum was anderes gehört. Ich kanns mittlerweile auch fast auswendig, für alles andere rappt Megaloh einfach viel zu gut. Aber ob er sich mit Max Herre, den ich zugegebenermaßen nicht besonders mag, den richtigen Mentor ausgesucht hat, sei mal dahingestellt. Das Album ist nicht nur auf Max’ Label Nesola erschienen, es klingt von den Beats her leider auch zu oft mehr nach Freundeskreis als nach Berlin. Der Radiotauglichkeit ist das natürlich dienlich, man kann das Album auch super in Anwesenheit der Mama und der Freundin auf Autofahrten hören, das ist natürlich ganz angenehm.

Einziger Totalausfall und Skip-Kandidat ist „Glaub dran“, meiner Meinung nach dummerweise mit fürchterlicher Schmusehook (Daniel Stoyanov) versehen und eine zu standardisierte Kopf-Hoch-Phrasendrescherei. Trotzdem aber immer noch besser gerappt als ganze Alben anderer Rapper. „Meine Reime sind on point wie mein Pissstrahl“ läst er uns wissen, und er hätte es der Hörerschaft eigtl. nicht nochmal so deutlich sagen müssen, dankbar bin ich trotzdem, gerade auch für diese Zeile. Egal ob Battle-Track, Mega-Konzept-Song oder wirkliche Poesie, Megaloh rappt überragend:

„Kapitän auf hoher See in einem Zeitungsboot –

Die Welt ist grau, aber ich schau durch mein Kaleidoskop.

Die Zukunft liegt mumifiziert in einer Stahlkasette,

tanz dieses Sprachballet, bis ich sie in ihrem Grab erwecke.

Im Spiegel nur der Bruchteil einer Kraterfläche,

was ich fühle, muss ich erst noch mischen auf der Farbpalette.“

Bäm. Wo sind die Deutschlehrer? Nehmt dieses Album auseinander, Eure Schüler werdens Euch danken.

Man hat es hier jedenpfalz mit einem reifen Künstler zu tun, der ernsthafte Kunst betreibt, und Rap in beinahe all seinen Facetten bringt. Abgehandelt werden unter anderem Themen wie die schwierige Beziehung zwischen „Vaterfigur“ und Sohn der Freundin, Erwartungshaltungen „In Deinen Augen“, Fernweh/Aufbruchsstimmung in „Fliegen davon“ (mit Joy Denalane), das seltsame Phänomen „Schlaf“ und der ganz normale, alltägliche Hustle. Dabei scheint Mega getrieben von dem dringenden Bedürfnis, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, eben „Endlich unendlich“ zu werden, und zwar „Auf ewig“. Koste es, was es wolle: „Unsterblich werden, bevor wir unfertig sterben“.

An Motivation und Überzeugungskraft mangelts nicht, getragen von einer unglaublich präsenten Stimme. „Hörst Du mein Herz aus der Bassbox, auf dem Beat wie auf einem Schlachtroß“, tönt es aus „Neue Schritte“, dessen Beat sich wohl für ewig in mein Gedächtnis gebrannt hat. Nebenbei liefert Samy Deluxe endlich mal wieder einen unglaublich geilen Part ab, der die ganze Herr Sorge-Nummer schnell wieder vergessen lässt, auch wenn der alte Autotuner die Finger wohl doch noch nicht ganz vom Vocoder lassen kann. Geschenkt, das Ding ist ein Brett! Genauso das ganze Album, ein frühes Highlight des Jahres, das Schuld daran ist, dass ich Max Herre nicht mehr ganz so doof finde. Die gut harmonierende, sehr entspannte Kollaboration „Entschleunigung“ gehört zu den vielen Highlights der Platte und ich wäre beim Entstehungsprozess gern zugegen gewesen. Ach, und ist der Beat von „Entgegen der Norm“ nicht von Dilated Peoples? Egal. Die Bonustracks auf der Special-Edition sind übrigens auch toll, neben einem Marteria-Feature gibts auch noch den Remix von “HipHop” mit ASD.

Kaufen!

(Und sich das grandiose „Auf Ewig“-Mixtape reinziehen, es ist qualitativ dem Album mindestens ebenbürtig, 15 Minuten lang und auf alte Beats von RAG, Creutzfeld&Jakob, Stieber Twins usw. Ich würde mir von Mega noch mehr solcher Sachen auf alte, klassische Beats wünschen.

Außerdem:

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